NACHTS SCHLAFEN DIE RATTEN
Copyright (c) 1995/2001 by M. Roth

So ein Sommer wie dieser ist nicht gut für die Menschen. Die Hitze drückt auf ihre Gemüter, lähmt manch klaren Gedanken, rührt an Dingen, die ansonsten im Verborgenen bleiben - und führt sie ans Licht.

Kern versuchte sich zu erinnern, wann es zuletzt eine solche Hitzeperiode gegeben hatte, doch es fiel ihm schwer. Vor zwölf oder dreizehn Jahren vielleicht, und da war es noch wesentlich besser um ihn bestellt gewesen. Damals...

Seit nunmehr annähernd fünf Wochen erstickte die Stadt unter einem Schleier aus gnadenlos sengender Sonne, gepaart mit Smog, der das Atmen zur Qual werden ließ, jedwegliche körperliche Verrichtung zur Tortur.

Ihm graute es bereits bei dem Gedanken an seine Arbeit in der Fabrik, die ihn noch erwartete am heutigen Abend, obwohl es bereits auf halb Acht zuging. Nur noch wenig Zeit verblieb ihm, bis ihn sein Auto aufnehmen würde wie ein vorgeheizter Backofen, die wenigen Kilometer Fahrt bis zu seiner Firma nichts anderes als der Weg durch seine kleine, ganz private Hölle auf Erden.

Kern hatte in dieser Woche die Nachtschicht zu bestreiten, ein eigentlich glücklicher Umstand angesichts der herrschenden Wetterlage, denn bei Nacht zu arbeiten machte es ihm ein wenig erträglicher. Aber auch nur ein wenig...

Seinen Kollegen, die zur Tageszeit am Fließband schufteten, gönnte er kaum Anteilnahme, denn schon in der folgenden Woche war es an ihm, in der Glut der Mittagshitze seinen Schweiß zu vergießen. Keine Hoffnung von Seiten der Meteorologen; das Hoch "Lisa" würde noch unabsehbare Zeit regieren...

Kern haßte diesen Sommer. Und er haßte sich selbst und sein armseliges Stück Leben.

Sein Blick glitt zur Standuhr an der gegenüberliegenden Seite des Wohnzimmers. Noch etwa zwei Stunden verblieben ihm, bis er aufbrechen mußte.

Jennifer saß auf der Couch, den starren Blick unablässig auf den laufenden Fernseher gerichtet, der irgendeine dieser verdammten Quizsendungen abnudelte, die sie so inbrünstig liebte, beinahe wie einen Götzen anbete. "Wer wird Millionär" hieß sie, und Günter Jauch war wie immer kaum zu ertragen. "Wenn ich die Kohle dazu hätte", dachte Kern und lächelte ein wenig bei diesem Gedanken, "würde ich ein Kopfgeld auf diesen Arsch aussetzen!"

Jenny zelebrierte diese hirnlosen Sendungen als Ritual, und oft genug nervte sie ihn mit ihren glühend vor Begeisterung vorgebrachten Reden, sich selbst einmal als Kanditatin zu bewerben.

Er hatte nicht einmal mehr ein fades Lächeln für diese Hirngespinste übrig, wußten sie doch beide nur zu genau, daß Jennifers geistige Potenz kaum ausreichend wäre für die schriftliche Bewerbung.

Den lieben langen Tag hockte sie so da wie im Moment, sah sich unsägliche Soap Operas an, deren schlechte Schauspieler sie besser kannte als ihre eigene Familie.

Unbewußt beobachtete Kern sie wie sie da hockte, nichts anderes im Hirn als dieses beschissene Quiz, Erdnüsse in sich hineinstopfend, Pralinen en gros fressend. Sie fraß eigentlich ständig. Und sie soff diese eklig-süße, neue Limonadenmarke. Literweise.

Auf ihrem feisten Schädel türmten sich Berge von Lockenwicklern, lieblos hineingedreht in das lange, schwarze Haar, welches in letzter Zeit desöfteren einer Nachcolorierung bedurfte, um seinen spärlichen Hauch von Glanz und Schönheit zu bewahren. Doch Schönheit ist vergänglich... Die Wahrheit dieser These bekam Kern Tag für Tag aufs Neue bewiesen. Wie bejahend mahlten Jennys dicke Backen unaufhörlich in stetem Rythmus, ihr Doppelkinn tanzte auf und ab in stiller Zwiesprache.

Gedankenverloren trank Kern sein Bier aus, verzog dabei angewiedert das Gesicht. Die Brühe war inzwischen lauwarm.

Manchmal - und besonders in Momenten wie diesem - fragte er in die Stille zwischen zwei Gedankengängen, ob er diese Frau überhaupt noch liebte. Er fand keine eindeutige Antwort darauf. Zumindest keine, die positiv ausfiel...

Langsam stand er auf, ging in die Küche und holte sich ein frisches, gut gekühltes Becks aus dem Eisschrank. Das wievielte eigentlich an diesem Tage, seitdem er kurz vor Mittag und nach unruhigem, wenig erholsamen Schlaf aufgestanden war und sich nach der kräftezehrenden Nachtschicht wie erschlagen fühlte? Er wußte keine exakte Antwort darauf, vier oder fünf vielleicht, und es war ihm auch scheißegal. Ein eisgekühltes Bier gehörte zu den wenigen Vorzügen, die ihm seine armseelige Existenz noch zu bieten hatte.

In der Küche traf er auf seinen Sohn Tommy, der angestrengt, ja mit geradezu verbissener Mine in einem Zeichenbuch malte. Verkrampft hielt er den blauen Buntstift in der Rechten.

Kern liebte seinen Jungen, seinen einzigen Sohn, doch umso mehr bedauerte er es, daß Tommy ein wenig zuviel von der Erbmasse seiner Mutter mitbekommen hatte. Er war jetzt fast neun Jahre alt, sah aber immer noch eher wie ein Fünfjähriger aus und in der Schule lief auch nicht alles nach Plan. Ganz und gar nicht, viel zu oft schon mußte Kern bei Aussprachen mit Tommys Lehrern zugegen sein. Kern ging immer allein zu diesen Unterredungen, auf Jennifer konnte er dabei nicht bauen.

Kern bedauerte es, daß er seiner Meinung nach viel zu wenig Zeit fürs einen Sohn erübrigen konnte, Jennifer war mit seiner Erziehung komplett überfordert. Und so war Tommy oft auf sich allein gestellt in einer Welt, die nur wenig Erfreuliches für ihn bereit hielt.

"Alles klar, mein Junge?", fragte Kern, strich bei diesen Worten seinem rotblond gelockten Jungen in einer solch liebevollen Geste über den Kopf, daß man sie einem Mann wie ihm kaum zugetraut hätte.

Tommy sah von seiner Zeichnung auf.

"Ja... Ist schon alles in Ordnung, Paps..." . Er blickte seinem Vater dabei direkt in die Augen und Kern sah dieses angstvolle Aufblitzen darin, als Tommy schließlich weitersprach. Und dieses Aufblitzen kannte er. Nur allzu gut...

"Mußt du denn heute wirklich noch an die Arbeit, Paps?". Der Ausdruck in Tommys Augen hatte nun etwas beinahe flehendes an sich.

"Aber selbstverständlich, mein Junge! Einer von uns muß doch schließlich das Geld verdienen! Und deine Mutter... Ach, lassen wir dieses Thema lieber...". Mit einer wegwerfenden Handbewegung kommentierte er seinen letzten Satz.

"Papi, bitte bleib heut nacht bei uns!"

Etwas verwundert sah Kern seinen Sohn an, dem die Furcht nun unübersehbar ins Gesicht geschrieben stand. Und der Junge sah aus, als fürchtete er sich vor etwas ganz gewaltig.

"Was ist denn nun schon wieder los, Tommy? Wovor hast du denn diesmal Angst?".

Es war beileibe nicht das erste Mal, das der Junge ihm mit irgendwelchen Schauermärchen ankam. Einmal war es der Killer aus irgendsoeiner Reality-TV-Sendung, die der Junge aus purem Zufall mit seiner Mutter angesehen hatte (und die sich ohnehin nicht darum kümmerte, welche Programme ihr Sohn betrachtete, egal welchen Inhalt den Sendungen zu Grunde liegt). Tommy glaubte, daß ihn der Schlitzer nun höchstpersönlich als nächstes Opfer auserkoren hatte. Beim nächsten Mal handelte es sich bei seinen Alpträumen um ein imaginäres Schattenmonster, das angeblich in seinem Kleiderschrank hause, ihn bedrohe und zu fressen versuche.

Die Zahl der Dinge vor denen es Tommy graute ließe sich noch endlos fortsetzen, insgeheim fragte sich Kern, was wohl diesmal an der Reihe war.

"Es..., es sind die Ratten, Paps! Sie... Sie wollen mich holen!"

Diese Antwort überraschte Kern. Es kam zwar sehr häufig vor, daß Tommy irgendetwas ängstigte, aber selten tat es dies über einen längeren Zeitraum hinweg. Und die Ratten waren geblieben. Die Ratten begleiteten die Alpträume des Achtjährigen nun schon seit fünf Tagen.

"Tommy, wie oft muß ich dir das denn noch erklären? Du bist doch allmählich alt genug, um von selbst mit so einem Scheiß aufzuhören! Es gibt keine Ratten hier! Nicht eine einzige!"

Das Kind zuckte zusammen. Der barsche Tonfall seines Vaters schürte nur mehr seine Angst anstelle sie zu lindern.

Kern bemerkte seinen Fehler und fuhr wesentlich gemäßigter fort.

"Paß mal auf, mein Junge: wo leben wir hier?"

"In Sternberg, Paps...", entgegnete ihm der Achtjährige verwundert, ganz offensichtlich nicht verstehend, worauf sein Vater hinauswollte.

"Ganz genau! In Sternberg! Nicht gerade der Nabel der westlichen Welt... Aber eines muß man dieser verdammten Stadt lassen: sie ist sauber!"

"Was...?" Tommys Verwunderung wuchs.

"Verstehst du? Ratten leben im Dreck, Ratten LIEBEN Dreck... Sie ernähren sich davon. Sie fressen... Nun ja... Sie fressen halt Scheiße und solche Dinge. Aas, das irgendwo rumliegt. Und das alles gibts bei uns hier nicht! Nicht in unserer Stadt!"

Kern trank sein Bier in einem Zug leer. Er öffnete sofort das nächste.

"Aber was passiert denn mit unserer... Scheiße? Die muß doch auch irgendwo hin... , und unten im Klo... , da könnten Ratten sein!"

Kern lachte lauthals.

"Wer hat dir den solch einen Unsinn erzählt? Nein, gottverdammt, wir leben in einer sauberen Gegend hier! Verdammt sauber sogar! Unsere ganzen Fäkalien", mit unzweifelhaften Gesten gab Kern seinem Sohn zu verstehen, was es mit diesem Wort auf sich hatte, "wandern nach unten in die Kanalisation. Das sind große Rohre unter der Stadt. Und dieses Gewirr aus Gängen wird ständig überwacht, von Fachleuten, das kannst du mir glauben! Ein ganzer Trupp Spezialisten geht da unten ständig spazieren. Da gibts keine Ratten, und wenn ja mal eine dort unten sein sollte, wird sie gleich aufs Übelste gekillt! Den Kerlen entgeht nichts!"

"Keine Ratten?"

"Nicht eine einzige! Hier liegt auch kein Müll auf den Straßen wie in den Slums, die du manchmal in den Nachrichten siehst und wo die Viecher sonst hausen. Verstehst du, mein Junge: es kann hier gar keine Ratten geben! Das ist einfach nicht möglich!"

"Aber Thorsten hat gesagt...". Tommy sah bei diesen Worten von seinem Vater weg, fixierte einen beliebigen imaginären Punkt im Zimmer. Er klang dabei aber recht kleinlaut, gerade so, als hätte man ihn schon fast davon überzeugt, daß seine Ängste unbegründet waren.

"Thorsten darfst du nicht so ernst nehmen! Er ist doch auch nur ein Kind wie du, und Kinder wissen in manchen Dingen eben nicht so gut Bescheid wie wir Erwachsenen."

"Er hat aber gesagt, daß er eine gesehen hat. Eine große, dicke Ratte direkt vor seinem Haus!"

"Wer weiß, was Thorsten da gesehen hat!", lachte Kern. Er bemerkte natürlich, daß sein Sohn in seiner Überzeugung unsicher wurde, ein sicheres Anzeichen, daß seine Ausführungen von Erfolg gekrönt sein würden.

"Vielleicht hat er ein Wiesel gesehen oder ein Frettchen... Vielleicht hat er dich aber einfach nur angeflunkert!"

"Thorsten lügt doch nicht!", widersprach ihm Tommy. Er klang aber selbst nicht so ganz davon überzeugt, da er Thorsten ganz gut kannte und wußte, daß sein Freund ab und an auch schon mal flunkerte.

"Paß auf, mein Sohn: wenn Thorsten tatsächlich eine Ratte gesehen hat, dann mal ich mich blau an und tanze nackt die Straße herunter! Bis runter zu den Fredemanns!"

Tommy kicherte bei dem Gedanken.

"Das würdest du tatsächlich tun? In echt?"

"Neee, ganz bestimmt würde ich das NICHT tun! Außer, wenn es tatsächlich Ratten hier gäbe... Aber das tut es eben nicht, das kannst du mir glauben! Thorsten hat keine Ratte gesehen, und deshalb kannst du jetzt beruhigt schlafen gehen."

"Nun ja... Du hast bestimmt recht, Paps."

Kern bemerkte zufrieden, daß dieser ängstliche, angespannte Ausdruck im Gesicht seines Sohnes verschwunden war. Er fühlte sich selbst besser... Ein wenig zumindest. Aber er wußte auch nur zu genau, daß die Ängste seines Kindes jederzeit heute Nacht zurückkehren konnten, und dann würde er an der Arbeit sein und ihm nicht beistehen können. Auf Jennifer zählte er in keinester Weise, und in solch einem Falle schon gleich gar nicht.

"Nun komm, Kleiner. Ich bring dich ins Bett."

Er nahm den Jungen bei der Hand und gemeinsam gingen sie nach oben in das Zimmer des Kindes, welches sich direkt neben Kerns Schlafzimmer befand. Das Schlafzimmer, in welchem sich schon seit geraumer Zeit nichts mehr von Bedeutung ereignete.

Doch Kern wischte diesen trüben Gedanken beiseite, genoß an Stelle dessen jenes plötzliche Gefühl von Wärme und Verbundenheit zu seinem Sohn. Er hoffte, daß ihn diese innere Wärme durch die schwüle, arbeitsreiche Nacht geleiten möge.

Kern betrat das Reich seines Sohnes.

"Geh noch schnell ins Bad und putz dir die Zähne, Junge. Ich warte solange hier auf dich. Mach 's aber ja ordentlich!"

Tommy verschwand in der Toilette zwei Zimmer weiter, Kern blieb allein zurück. Er setzte sich in den kleinen Drehstuhl am Schreibtisch, starrte ziellos in den Raum.

Micky Maus und Goofy starrten ihn blöde von einem Poster direkt über dem Bett aus an, Modellflugzeuge (die er zum größten Teil selbst für Tom gebaut und angemalt hatte) hingen an dünnen Drähten von der Decke, so, als würden sie gerade einen Luftangriff fliegen. Eine Welle von Sentimentalität kam über ihn, er dachte zurück an....

...seine Kindheit. Vater war Alkoholiker. Er schlug Kern sehr häufig, noch häufiger jedoch Mutter, die den zahllosen psychischen und physischen Brutalitäten hilflos ausgeliefert war und nach all den Jahren des Kampfes nicht länger die Kraft dazu aufbrachte, sich und ihrem Sohn Schutz zu bieten. Dies war die Welt, in der Kern aufwuchs - eine ganz private Hölle auf Erden.

Mit 16 Jahren verließ er sein Elternhaus, ließ seine Mutter allein zurück im Grauen des Alltags und schlug sich eine Weile mit Gelegenheitsjobs durchs Leben. Er verdiente gerade genug Geld, um nicht in der Gosse zu landen und zu verrecken.

Dann lernte er Jennifer kennen; glaubte, sie zu lieben. Sie war die erste Frau außer seiner Mutter, die in sein tristes Leben trat und eine Rolle darin spielte.

Jenny verdiente ein paar Mark als Bedienung in einer Niederlassung einer weltbekannten Fast-Food-Kette, irgendwann kurze Zeit später zogen sie zusammen. Sie wurde schwanger. Kern heiratete sie, obwohl er längst einsehen mußte, daß sie keineswegs die Frau seiner Träume darstellte. Aber da war es bereits zu spät...

Seine Eltern starben kurz nach Tommys Geburt bei einem Autounfall, den Jungen hatten sie nie zu Gesicht bekommen. Der Unfallverursacher war sein Vater, Alkohol spielte die tragende Rolle bei dem Unglück. Am Grab weinte Kern eine stille Träne, die seiner Mutter galt, für seinen Vater hoffte er, daß er in der Hölle schmoren möge, die er für Kern zu Lebzeiten auf Erden bereitet hatte.

Tommy kehrte ins Zimmer zurück, zog seinen blauen Schlafanzug mit dem lächelnden Bärenkind auf dem Oberteil an und legte sich ins Bett. Kern kehrte nur mühsam in die Realität zurück, die Schatten der Vergangenheit verzogen sie zögernd, trieben wie Fetzen von Nebelschwaden durch den Raum.

"So, Tom, jetzt wird noch gebetet und dann wird geschlafen."

Das Kind sagte die paar einfachen Verse auf, die es aufwendig konnte und die es beschützen sollten vor dem Unheil auf dieser Erde. Nachdenklich wartete Kern darauf, bis sein Sohn am Ende der Aufzählung angekommen war; im Gedenken daran, was für eine Art Gott wohl diese Gebete erhören möge - und wo sich dieser Gott immer dann gerade aufhielt, wenn man ihn wirklich einmal brauchte. Wahrscheinlich auf Dienstreise oder im Puff mit einer ehemaligen Edelprostituierten, die er sich zu seinem Vergnügen unterhielt.

Dann gab er seinem Sohn einen zärtlichen Kuß auf die Stirn.

"So, nun träum was schönes. Und - keine Angst mehr, klar? Ich will doch morgen früh stolz sein auf meinen tapferen kleinen Helden!"

"O.K., Paps. Ich glaube, ich habe jetzt keine Angst mehr vor den... Ratten."

Kern näherte sich langsam der Tür. Ein letztes Mal noch drehte er sich zu seinem Sohn um.

"Und, Tommy...eins habe ich dir noch vergessen zu sagen...".

"Ja?" kam leise die schlaftrunkene Stimme des Kindes als Antwort.

"Wenn du dich heute nacht doch noch mal fürchtest... Sag dir immer eins: mir kann nichts passieren. Absolut nichts! Denn ...nachts schlafen die Ratten!"

Kern löschte das Licht.

"Und nun schlaf schön!"

Er schloß die Tür und ging eine Etage tiefer. Wieder in der Küche angekommen öffnete er ein neues, kühles Becks.

Im Wohnzimmer bot sich ihm das vertraute Bild: Jennifer lümmelte auf der Couch, fraß und soff und schaute Fernsehen. Sie schaute nur kurz vom Bildschirm auf, als ihr Mann eintrat.

"Schläft Tommy jetzt?", fragte sie uninteressiert.

"Ich hoffe es zumindest. Er hat in letzter Zeit immer so unbegründete Angst vor...".

Kern unterbrach sich mitten im Satz. Es war zwecklos, als redete er mit einer Backsteinmauer. Jennys ganze Aufmerksamkeit (...so wenig das auch war...) widmete sie ausschließlich wieder dem Fernsehprogramm. Er war Luft für sie, als existiere er nicht mehr.

Resigniert setzte er sich. Noch etwa eine Stunde verblieb ihm bis zum Aufbruch an die Arbeit.

Plötzlich, vollkommen unvermittelt war da ein Stechen in seinem Kopf. Kern zuckte zusammen, verzog schmerzerfüllt das Gesicht. Migräne war ihm eigentlich fremd, dennoch hielt sich seine Verwunderung in Grenzen. Diese wochenlang andauernde Hitzeperiode garniert mit den zahllosen Bieren, die er im Laufe des Tages genossen hatte - dies machte sich nun bemerkbar.

Er stand auf, um sich ein Aspirin aus der Hausapotheke im Bad zu holen. Jenny widmete ihn keines Blickes, als er das Zimmer verließ. Sie war gefangen in ihrer eigenen Welt. "Glücksrad" lief gerade, die Scheibe drehte sich, bescherte Glück und Luxus, zauberte Freude auf die Gesichter der Kandidaten.

Kern war im Bad angekommen und betrachtete sich eingehend im großen Spiegel. Das, was er zu sehen bekam, gefiel ihm ganz und gar nicht. Seine Augen wirkten eingesunken in den Höhlen, umrandet von schwarzen Ringen, Bartstoppeln bedeckten das Kinn. Schweiß glänzte auf der Stirn.

Der Schmerz hinter seinen Schläfen nahm rapide an Intensität zu. Ein dumpfes, stetiges Wummern pulsierte im Schädel, fraß sich bis in die hintersten Windungen des Gehirns bis tief hinein in die Nervenbahnen.

Kerns Spiegelbild verschwamm vor seinen Augen, der Blick wurde getrübt wie von Nebelschwaden, die in seinem Kopf aufstiegen. Er nahm seine Umwelt in anderen Relationen wahr: verzerrt, verschoben.

Dann brach er zusammen. Das Kinn schlug mit einem lauten Krachen auf das Waschbecken, schrammte am Porzellan entlang. Der Schmerz drohte Kern den Schädel zu sprengen.

Unbewußt biß er sich dabei auf die Zunge, schmeckte Blut bis tief hinten im Rachen. Ein dünner Faden tropfte aus seinem rechten Mundwinkel, ein paar Tropfen fielen zu Boden, bildeten eine kleine scharlachrote Lache zu seinen Füßen.

Plötzlich waren die Ratten in seinem Hirn. Er sah ihr graues, stumpfes Fell, roch ihre scharfen Ausdünstungen. Dünne Barthaare vibrierten vor innerer Erregung, ihre Augen... Sie...

Mit einem Schlag war der Schmerz verschwunden. Es dauerte noch ein paar Sekunden, bis Kern wieder klar sehen konnte, kurze Zeit später stand er auf. Das Blut floß noch immer als dünnes Rinnsal aus seinem Mund.

Er hatte keine Erklärung für das, was ihm gerade wiederfuhr. Etwas... Unerklärliches passierte mit ihm. Mechanisch setzte er sich in Bewegung.

Er ging die Kellertreppe hinab, nicht im Bewußtsein darüber, warum er gerade diesen Weg einschlug. Dann gelangte er an ihrem Ende an, die Hand berührte den Lichtschalter, gleißende Helligkeit vertrieb das Dunkel. Die Ratten waren überall.

Ihre Anzahl war Legion, nicht einmal entfernt zu schützen. Sie lagen auf den Regalen an der Wand, auf den Fahrrädern, in der Dreckwäsche, auf der Waschmaschine, auf der Lampe, in seinem Werkzeug - Ratten, wohin das Auge sah.

Ihre Körper, dicht an dicht gestaffelt, auch übereinander, zitterten sachte; gleichmäßige Atemzüge endeten in einem seltsam anmutenden Quiekgeräusch. Die Augen der Ratten jedoch waren geschlossen. Sie schliefen...

Da entdeckte Kern den einzigen Platz des Raumes, der nicht von ihnen bevölkert wurde:

Der große Hackklotz am anderen Ende und die Spaltaxt darin. Die Schneide des imposanten Werkzeuges reflektierte kaltes Neonlicht, unnatürliche Lichtspiele trafen Kerns geweitete Iris. Er wußte, was zu tun war.

Langsam, fast feierlich, näherte er sich dem Hackklotz. Dort, wo seine Füße tastend den Boden berührten, teilte sich das Heer der Ratten in einer fließenden Bewegung. Kern riß die Axt aus dem Holz, schwang sie triumphierend in die Höhe. Quasi als Absolution seines Tuns wurden die quiekenden Atemgeräusche der schlafenden Ratten ein wenig lauter.

Dann machte er sich an den Rückweg, das kalte Metall der Schneide mit der flachen Seite gegen die fiebrig-heiße Stirn gedrückt. Sein Heer folgte ihm lautlos.



Er fand Jennifer im Wohnzimmer unverändert vor, genau wie er sie verlassen hatte: hier änderte sich der Lauf der Dinge nicht. Sie gönnte ihm nicht mal einen Blick als er langsam auf sie zuging.

Sein starrer Blick fixierte den Körper der Frau in grausamer Leidenschaft, sie selbst hatte nur Augen für den Moderator der Sendung, der abgebrüht sein tägliches Pensum an fadenscheiniger Unterhaltung abspulte.

Kern stand nun etwa einen Meter neben seinem Weib, und endlich hielt sie es für nötig, sich ihm zuzuwenden. Ihre rechte Hand lag in dem Napf voll Süßigkeiten auf der Couchlehne.

"Was?", fragte sie verwundert als sie sah, wie ihr Mann die große Spaltaxt aus dem Heizungskeller in einer anmutigen, kraftvollen Bewegung hoch über den Kopf schwingen ließ.

An ihrem höchsten Punkt angelangt traf sie die Lampe, die fortan hin und her zu schwingen begann, den Raum in beinahe mystische Licht- und Schattenspiele tauchte.

Dann fuhr das Werkzeug in einem sauberen Halbkreis nach unten, trennte die Rechte knapp unterhalb des Handknöchels ab und landete mit lautem Krachen in der hölzernen Lehne.

Das alles lief in beinahe gespenstischer Lautlosigkeit ab. Jennifer war nicht einmal in der Lage zu schreien. Sie tastete mit der unverletzten Hand zu dem blutspeienden Armstumpf. Ihr Mund stand weit offen, doch kein Laut drang heraus; die Augen, angstverzerrt und leuchtend vor Schmerz, der mit der Wucht einer Atomexplosion durch ihren Körper tobte, blickten Kern fragend, nicht verstehend an.

Doch die Arbeit war noch nicht getan, das Werk noch nicht vollendet.

Beinahe ein wenig wütend riß er die Axt aus dem Holz, schwang sie elegant, aber bestimmt und schlug erneut zu. Diesmal führte er den Hieb geradeaus nach vorn durch, der Stahl drang tief in Jennys Oberkörper, direkt zwischen die großen, schlaffen Brüste, die Schneide verschwand bis zum Anschlag im Fettgewebe.

Kern verschwendete keine Zeit: wieder befreite er seine Waffe, diesmal aus blutgetränktem Fleisch, der nächste schwere Hieb traf den ungeschützten Magen.

Jennifer kotze Blut quer über den teuren Perserteppich. Wie eine Fontäne spritze der Mageninhalt aus dem großen Loch in ihrem Bauch, noch ein weiteres Mal traf sie die Axt an fast derselben Stelle; als sie zurückgerissen wurde entrollten sich die Därme in einem Schwall aus Blut auf dem Boden, zartrosa glänzende Schlingen beschmutzten die Auslegware.

Dann endlich kam ein Schrei über ihre Lippen, so unmenschlich, so voll von Leid. Er riß abrupt ab, als der nächste Hieb ihren Schädel traf.

Die Schneide zerdrosch brutal die oberen Knochenpartien, Gehirnmasse, grau und zerstört, spritzte aus dem riesigen Loch im Kopf. Durch den gewaltigen Innendruck suchten sich die Augäpfel einen Weg ins Freie, explodierten in einem Meer aus Blut und Tränenflüssigkeit.

Damit war das Werk des Metzgers fast vollbracht. Kern, vollkommen blutüberströmt, fügte hier noch einen Schnitt an, dort noch einen Hieb - dann betrachtete er sein Tun. Mit dem, was er sah, war er aufs Höchste zufrieden.

Er wischte das Blut von seiner Armbanduhr: Zeit, um an die Arbeit zu gehen.

Die Ratten hatten längst damit begonnen in den Raum zu strömen, beschnüffelten die herumliegenden Teile der ausblutenden Leiche, fraßen ein paar besonders leckere Stücke, quiekten freudig und sprangen an Kerns Hosenbeinen in die Höhe. Er war glücklich darüber, zufrieden mit seinem Werk.

Als er gerade im Begriff war das Haus zu verlassen, sah er das bleiche, verzerrte Gesicht seines Sohnes, der oben am Treppengeländer stand, die Hände hilflos zu Fäusten geformt, die Augen unnatürlich weit aufgerissen. Er schrie mit überschnappender Stimme:

"PAPS! DU HAST... DU HAST... DIE RATTEN!! DU HAST GELOGEN! DIE RATTEN SIND GEKOMMEN! SIE.....".

Dann hörte er die Stimme seines Sohnes nur noch leise, denn er schlug die Haustür hinter sich ins Schloß. Sein altersschwacher VW erwartete ihn bereits. Als er die Tür öffnete, sprangen ein paar der Ratten hinein.

Er legte das bluttriefende Mordwerkzeug neben sich auf den Beifahrersitz, atmete ein letztes Mal tief durch, dann fuhr er los.

Ein freudiger Blick auf die Rückbank: die Ratten hatten sich friedlich zusammengerollt, schliefen ruhig und traumlos.

Kern war mit sich und seiner Welt zufrieden. Leise pfiff er ein kleines Liedchen, sehr leise, um die Tiere nicht zu wecken.

Irgendwann erreichte er seine Firma, nahm die Spaltaxt an sich und machte sich an die Arbeit. Er hatte viel zu tun in dieser Nacht....


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